Gerade noch rechtzeitig zum geplanten Alpen Trip kam das Factor O2 in Größe 54cm an. Natürlich war die Neugier auf die neue Bike Marke, mit dem für den Alpentrip vielversprechenden Namen „O2“, größer als die Vernunft. Also schnell das Bike zum Aufbauen in die Werkstatt geben. Die erste Testfahrt würde dann also direkt in den Alpen stattfinden.Als ich am nächsten Morgen das Auto packte, rollte das Bike gerade aus der Werkstatt. Also einmal kurz um den Block fahren, Schaltung schaltet, Bremsen bremsen, Alles gut, einpacken und los geht´s. Oder vielleicht doch besser noch mein Trek Emonda SLR H1 Geometrie mitnehmen. Ja, gute Idee, dann wird aus dem Kurzurlaub gleich noch ein Test dreier Top Bikes unter realen Bedingungen, denn mein Freund fährt eine BMC TeamMachine SLR01.

Der Wetterbericht für das Vinschgau versprach noch für den nächsten Morgen Top Wetter mit über 25 Grad. Deshalb haben wir entschieden, dass unsere erste Ausfahrt gleich die Stilfser Joch Runde sein wird. Zum Einfahren diente uns die Strecke von Schlanders nach Prad, was nochmal ca. 20km und 300hm on Top waren.

Am nächsten Morgen kam die Nervosität. Ein neues unbekanntes Bike, die Erstbefahrung zum berühmten Stilfser Joch  mit ca. 2200hm am Stück! Nach einem kräftigen Frühstück ging´s also zur Sache. Wir holten die Bikes, prüften den Luftdruck, drehten eine Proberunde auf dem Parkplatz und packten unsere Rückentaschen mit Futter, Bein- und Armlingen, sowie einer winddichten Jacke, voll. Ersatzschläuche, Pumpe, kleines Werkzeug alles da….bis auf…ich Dödel habe doch vor lauter Stress  meine Trinkflaschen vergessen. Doof, denn heute ist Sonntag und das Hotel hat so was nicht. Gott sei dank war mein Freund nicht so vergesslich und so haben wir uns seine beiden Flaschen brüderlich geteilt und noch zwei normale 0,5l Wasserflaschen aus dem Hotel eingesteckt.

Bis Prad sind wir zügig gefahren und mein erster Eindruck vom Factor O2 ist sehr positiv. Ich sitze sportlich, genau wie ich es gewohnt bin. Es ist ein bisschen kürzer als mein Trek, was mir entgegenkommt. Es fühlt sich sehr steif und direkt an. Die Black Inc. Laufräder machen ein geiles Leerlaufgeräusch, eine Klingel brauche ich nicht!

Ich bin das Stilfser Joch schon mal vor 16 Jahren mit dem MTB hochgefahren. Allerdings hatten wir da in der ersten Kehre im Hotel Bella Vista übernachtet und so die Auffahrt quasi geteilt. Dennoch kann ich mich erinnern, der Berg ist lang und es sind ein paar steile Stücke drin. Also gemach gemach, in den Berg reinfahren.

Unterwegs treffen wir einige E-Biker, MTBler und Tourenfahrer. Hardcore Rennradler sind keine unterwegs. Das ist gut für die Motivation, denn die Touren Radler und MTBler sind langsamer und die E-Biker zählen nicht.

Kurz vor Trafoi fragt mein Freund, wie weit es noch ist, ich Grinse. Ich erkläre ihm, dass die Kehren erst viel weiter oben losgehen und wir bis dahin bestimmt noch 400 – 500hm vor uns haben. Er schaut ungläubig, nimmt aber trotzdem etwas Tempo raus. Für meinen Freund ist es seine erste große Bergfahrt überhaupt!

Mittlerweile lerne ich das Factor immer besser kennen. Beeindruckt bin ich von dem Vortrieb. Das Bike muss wirklich ein sehr steifes Tretlager haben, denn jeder Antritt wird sofort in Vortrieb umgesetzt. Das Bike läuft richtig gut, leicht und auch die Black Inc. Laufräder fangen an mich zu beeindrucken. Ich bin jetzt ja nicht der schwerste, aber ein paar Watt kann ich schon treten. Die Laufräder sind steif und laufen super leicht. Natürlich merke ich auch die Leichtigkeit von den schlanken 6,3kg die das Bike ohne Pedale gewogen hat. Die mechanische Dura Ace Gruppe schaltet wie immer perfekt und ich fühle mich richtig wohl auf dem Bike. Offensichtlich passt mir die Geometrie sehr gut.

Jetzt sind wir kurz vor der ersten Kehre und sehen das Hotel Bella Vista. Die Flaschen sind noch voll und so fahren wir weiter, der geplante Espresso Stopp fällt aus. Die ersten steileren Stücke kommen. Ich fahre einige Meter im Wiegetritt, was eigentlich nicht so meine Art ist, aber mit dem Factor sehr gut funktioniert. Die Position ist ziemlich mittig und sorgt für einen guten Vortrieb mit viel Grip auf dem Hinterrad.

Einige Kehren und Steilstücke weiter, merke ich die mittlerweile ca. 900 gefahrenen Höhenmeter. Der Tritt wird unrunder und ich schalte dann wohl besser noch einen Gang runter…..äh was ist das…kein Gang mehr???? Ja ne, das kann jetzt nicht sein, dass ich schon im kleinsten Gang bin. Aber doch, die Realität ist brutal, ich habe keinen kleineren Gang mehr.

Mein Tritt wird schwerer, ich prüfe nochmal ob da wirklich kein kleineres Ritzel mehr ist. Nein es bleibt dabei, ich fahre bereits auf dem kleinsten Gang. Mein Freund fährt ein paar Meter vor mir und sieht irgendwie lockerer aus. Ich fahre zu Ihm auf und sage, dass ich mal eine kleine Gelpause machen möchte. Wir hatten entschieden zum Essen jeweils kurz anzuhalten, wir fahren ja kein Rennen.

Bei der Gelegenheit schau ich mal auf meine Übersetzung. OK, jetzt verstehe ich warum ich mir so schwer tue. 52/36 vorne und hinten 11-28. Heldenübersetzung! Nicht nur, dass ich Dödel meine Flaschen vergessen habe, vor lauter Stress habe ich auch noch die übliche Hannover Flachland Übersetzung montieren lassen. Selber Schuld. Da muss ich jetzt durch. Der Berg hat ja nur noch ca. 1200hm!

Endlich kommen wir aus dem Wald raus und sehen vor uns die berühmten Kehren hoch bis zum Joch. Hier machen wir nochmal eine kurze Pause und nehmen im Gasthof frisches Wasser auf. Der grandiose Blick, der strahlend blaue Himmel und weitere WinForce Gels lassen neue Kräfte aufkommen. Mein Freund fährt jetzt fast ständig vor mir. Ich habe also keine Zeit zu jammern und trete mit einer 40 – 50er Trittfrequenz langsam aber stetig bergan.

Da sehe ich eine blaue Markierung auf der Strasse, noch 7km. Ist das jetzt viel oder wenig? Ich weiss es nicht, die Beine tun weh und der langsame Triff nervt. Das Factor motivert mich ein bisschen, wenn man das so interpretieren möchte. Das Bike fährt wirklich gut, jedes Watt wird in Vortrieb umgesetzt und ich fahre jetzt immer öfter im Wiegetritt um die Beine zu entlasten.

Noch 5km bis zum Joch, ich bekomme einen ersten Krampf ins linke Bein. Den kann ich noch wegdrücken. Noch 4km, jetzt habe ich Krämpfe in beiden Beinen und muss kurz vom Rad steigen die Beine lockern. Mein Freund freut sich mittlerweile ebenfalls über jede kurze Unterbrechung. Nach ein paar Minuten geht es weiter, immer noch Krämpfe, aber jetzt sind es auch nur noch 4km. Ich trete weiter und versuche so gut wie möglich dabei zu entspannen. Irgendwie klappt das auch, denn die Krämpfe verschwinden und ich kann die letzten Meter nochmal Gas geben. Dann ist sie da, die Kehre 1 (die Kehren werden am Stilfser Joch von oben nach unten gezählt). Ich halte kurz an, mache ein paar Bilder und drücke die letzten paar hundert Meter im Wiegetritt hoch. Mein Freund wartet schon oben am Pass. Vor dem Schild, machen wir ein paar „Sieger“ Fotos, dann gehen wir was Essen.

Etwas über 2200hm sind wir nun von Schlandern aus am Stück bergauf gefahren. Nicht schlecht für zwei Flachlandradler. Wir freuen uns riesig und fühlen uns schon wieder fit für die Abfahrt. Bis zum Hotel liegen noch ca. 80km, meist bergab.

Es ist kühl da oben auf 2750hm und wir ziehen alles an was wir dabeihaben. Dann stürzen wir uns in die Abfahrt, der Wind weht uns jetzt eiskalt ins Gesicht. Noch ein kurzer Gegenanstieg und dann geht es den Umbrail Pass nach unten.

Mein Vorderrad flattert. Das Flattern wird immer stärker ich halte an und prüfe ob mein Vorderrad festsitzt. Alles fest. Das kann es also nicht sein. Während ich wieder aufsteige merke ich, dass ich es bin, ich zittere derart vor Kälte, dass ich das Vorderrad zum Flattern bringe. Ich versuche mich zu konzentrieren und nicht zu zittern. Aber das gelingt mir nur mäßig. Also fahre ich einfach langsamer weiter. Mein Freund ist schon ein paar Kehren weiter unten und gibt richtig Gummi. Er ist halt ein Heißblut.

Meter für Meter komme ich tiefer und langsam wird es wärmer und ich werde ruhiger. Nach ca. 1000 Tiefenmeter Abfahrt steigen die Temperaturen merklich an. Die Sonne scheint und meine dunkle Jacke heizt mich langsam auf. Jetzt komme auch ich langsam in Fahrt. Die Abfahrt hat ja insgesamt ca. 44km, da geht also noch was. Ich hole langsam wieder auf und genieße die Agilität, Stabilität und Spurtreue des Factor. Ich merke, dass je enger die Kehre, desto mehr kann das Factor seine Wendigkeit ausspielen. Wir sind deutlich schneller als die Autos unterwegs und haben Glück, dass diese uns problemlos vorbeilassen. Unten im Val Müstair angekommen, machen wir eine kleine Pause und strecken den Rücken durch. Ich merke die lange Abfahrt in der Unterlenkerhaltung. Nacken und Schultern schmerzen und sind verkrampft.

In der langen Abfahrt durch das Val Müstair bemerke ich, dass mein Factor offensichtlich leichter rollt als das BMC von meinem Freund. Obwohl er ca. 15kg schwerer ist, rolle ich mit fast gleicher Geschwindigkeit. Ich vermute, dass die Black Inc Laufräder mit den Ceramic Speed Lagern, extrem wenig Widerstand leisten. Und mir ist aufgefallen, dass die Laufräder trotz 5cm Felgenhöhe wenig Seitenwind anfällig sind.

 

 

Unten in Glurns angekommen gönnen uns leckeren Marillenkuchen mit Sahne und Cappucino. Gestärkt geht es jetzt auf dem Radweg zurück nach Schlanders. Als uns eine Gruppe Rennradfahrer mit hohem Tempo überholt, bricht der Jagdinstinkt bei meinem Freund aus. Die Hatz wird zum 5km langen Zeitfahren kurz unterm Limit.

In Laas müssen wir nochmal ein paar Meter hochdrücken, was echt schwerfällt und dann die letzte rasante Abfahrt über die Bundesstrasse zurück ins Hotel nach Schlanders. Angekommen sind die Krämpfe und Schmerzen in den Beinen vergessen. Wir klatschen uns glücklich und müde ab. Geblieben ist eine eindrucksvolle Fahrt mit einem klasse Bike durch eine grandiose Landschaft.

Das Factor O2 hat mich sehr positiv beeindruckt. Es ist sehr wendig, steif und spurtreu. Ich persönlich fand die Sitzposition sportlich aber nicht unkomfortabel. Auch die Black Inc. Laufräder haben mir sehr gut gefallen. Ich mag das Geräusch der Nabe, die Brems- und die Laufeigenschaften sind überragend.

Wenn ich nun die drei Bikes vergleichen soll, dann würde ich die Fahreigenschaften wie folgt beschreiben. Alles absolute Top Bikes mit Top Austattungen und einem Gewicht von jeweils ca. 6,5kg. Das Factor O2 ist etwas wendiger als das BMC SLR01 und das Trek Emonda SLR. In engen Kurven hat das Factor Vorteile. Gefühlt ist es auch etwas steifer und härter als das Trek. BMC und Factor fühlen sich aber ähnlich steif und agil an. BMC und Trek erscheinen mir in hohen Geschwindigkeiten etwas ruhiger. Von allen drei Bikes hat das Factor für mich die meisten Race Gene.

Wir haben Factor ins Programm genommen, weil der Hersteller und die Bikes anders sind. Factor verkauft ausschließlich Rahmensets und keine Kompletträder. Dazu bieten sie mit Black Inc. Sehr gute Laufräder und Anbauteile an. Die Qualität der Rahmen, die mitgelieferten Bauteile (Ceramic Speed Lager) sind extrem hochwertig. Mit Factor können wir nach Kundenwunsch die Gruppen und Teile zusammenstellen, und in Zukunft können wir auch unlackierte Rahmen erhalten und Custom Lackierungen anbieten.

Mein Fazit: Das Factor O2 gehört definitiv zu den Besten Bikes. Das O2 ist eine rassige Rennmaschine und versteckt seine Gene nicht. Es ist sehr wendig, agil und bietet mächtig Vortrieb. Es ist ein Bike mit Race Charakter.

Deshalb, jetzt Testfahrt vereinbaren. Wir sehen uns.

Euer BIKEtime TestTEAM

p.s. ich freue mich jetzt darauf die Disc Version und das Aero Bike Factor One zu testen.

Tourenbericht und Biketest: Alex Mühlbauer